Hallo, ich bin noch ganz jung – ein kleiner Greifvogel, der gerade erst die Welt entdeckt. Gestern bin ich aus dem Nest gefallen, oder vielleicht wurde ich hierher gebracht, weil man mich beschützen wollte. Anfangs war alles riesengroß und ein bisschen furchteinflößend: die hohen Bäume draußen, das Rauschen des Windes, die fremden Geräusche der Menschen.
Aber hier in der Auffangstation ist es anders. Es gibt Wärme, Futter und viel Geduld. Jeden Morgen kommt jemand, legt sanft eine Hand auf meine Schachtel, und ich weiß: „Alles gut, gleich gibt’s Frühstück!“ Ich darf meine Flügel ausprobieren, wackelnd auf meinen kleinen Beinchen stehen und die Welt aus einer sicheren Höhe beobachten. Manchmal kommt ein Artgenosse vorbei, und wir lernen zusammen die ersten Flugübungen – noch ein bisschen unbeholfen, aber voller Mut.
Von hier aus sieht die Welt ganz anders aus. Die Menschen scheinen riesig, aber sie tun mir nichts – sie sorgen für mich, geben mir Kraft und Geduld. Bald, bald werde ich stark genug sein, um alleine zu fliegen, meine ersten Mäuse zu erbeuten und hoch hinauf in den Himmel zu steigen. Aber für jetzt genieße ich es, beschützt aufzuwachsen, in einer kleinen Oase, in der jeder Tag ein bisschen Abenteuer und ein bisschen Geborgenheit zugleich ist.
Text Cornelia Seitz
Bildmaterial mit Genehmigung von Alfred Aigner